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Siegen…

und was sich Architekt und Stadtplaner Prof. Dr.-Ing. Thorsten Erl für Siegens städtebauliche Zukunft sonst noch wünscht

Auf engsten Raum treffen sich Menschen und Ideen, existieren die mannigfachsten Lebensstile nebeneinander, müssen Probleme gemeinsam angegangen werden. Das Stadtleben motiviert, es polarisiert aber auch. Wie werden wir in und mit der Stadt leben? Ein Gespräch an der Sieg mit Architekt und Stadtplaner Prof. Dr. Thorsten Erl von der Uni Siegen über das Siegufer als Symbol der Zukunft, warum wir mehr Freiräume und weniger Funktionalität brauchen und weshalb er sich für Siegen die Straßenbahn zurückwünscht.

Herr Prof. Erl, wie sieht unsere Stadt von morgen aus?

  • Eine große Frage. Am Siegufer kann man sie womöglich ein wenig leichter beantworten. Ich habe diesen Ort aus gutem Grund für unser Gespräch gewählt.

Sie verraten ihn bestimmt.

  • Der Bundesvorsitzende der Stiftung Baukultur, Reiner Nagel, hat in einem Vortrag viele beispielhafte Städte und Orte gezeigt. Unter anderem auch diesen hier, die Siegtreppen. Und er hat gesagt: ,Mit diesem Projekt hat sich die Stadt Siegen wieder auf die Liste der Zukunftsstädte Deutschlands gesetzt.' Es gibt also hier meiner Meinung nach kaum einen besseren Ort, um über die Stadt der Zukunft zu sprechen.

Sie teilen also diese Sicht?

  • Ich habe ja die Vorgeschichte nicht mitbekommen, unterrichte erst seit zwei Jahren hier an der Universität. Aber einen Parkplatz wegzunehmen, um daraus einen gut gestalteten, öffentlichen Raum für alle Menschen zu machen und dazu einen Fluss zu renaturieren – das umschreibt schon einmal ziemlich viel. Es geht um Mobilität, es geht um öffentlichen Raum, es geht um Gesellschaft. Und es geht um Freiraum und auch ums Klima. Das sind die wesentlichen Fragen, die die Städte der Zukunft angehen müssen.

Sie sind kein Fan von Funktionalismus?

  • Meines Erachtens hat diese funktionale Trennung von Dingen eine Spitze erreicht, die der Stadt der Zukunft keinen Mehrwert mehr bringen wird. Ich bin ein Fan von Nutzungsmischung. Also ja, ich hoffe, dass wir den Fokus auf die Funktion überwinden können. Aufenthaltsqualität, Begegnung, und die Erlebbarkeit der Stadt müssen im Vordergrund stehen.

Können Sie etwas genauer werden?

  • Ein Beispiel. Die City Galerie – das ist eine Maschine. Eine monofunktionale Verkaufsmaschine. Man fährt von der HTS, die der Stadt im Übrigen wenig gebracht hat, direkt ins Parkhaus. Das ist super funktionalistisch und zerstört die ganze Struktur und Maßstäblichkeit der Stadt. Die Menschen laufen nur durch diese Mall, gehen nicht vor die Tür, weil sie dort scheinbar alles haben, nur eben kein Stadterlebnis. Von diesen Ideen entwickeln wir uns glücklicherweise weg. Die Innenstädte werden in Zukunft nicht länger einfach nur als Shoppingcenter betrachtet. Eine Innenstadt muss vielfältiger sein, sie wird zum Beispiel viel mehr zum Wohnen da sein.

Sie können die HTS nicht leiden?

  • Wenn man als Fremder nach Siegen kommt, dann denkt man sich schon: Was ist da passiert, dass man so eine Stadtautobahn auf die beste Halbhöhenlage hinbetoniert? In Stuttgart ist das zum Beispiel die teuerste Wohnlage. Und dann habe ich mich kundig gemacht, mit vielen Leuten gesprochen und einige Warnungen erhalten. Oh, haben alle gesagt, an die HTS, da dürfen Sie nicht rangehen. Das sei ganz vermintes Gelände. Ohne HTS breche alles zusammen. Dann habe ich gedacht: Okay, alles klar, dann fokussier' ich mich mal besser auf den eigentlichen Stadtraum.

Aber Freunde werden Sie anscheinend auch keine mehr.

  • Nein. In Siegen wohne ich an der Kölner Straße, mitten in der Innenstadt. Und ich habe mich gefragt: Warum sehen die innere Arterie dieser Stadt, also die Geisweider, Weidenauer, Hagener sowie die Koblenzer Straße und Sandstraße eigentlich so aus, wie sie aussehen? Was hat die HTS dieser inneren Verbindung, diesem Stadtraum, gebracht? Und da muss ich sagen: nichts. Ganz im Gegenteil. Wir haben da eine Stadtautobahn auf der halbhohen Lage und wir haben hier vier bis fünf schwierige Straßenabfolgen, wo jede noch so kleine Abbiegemöglichkeit ihre eigene Spur bekommt. Da gibt's keinen Stadtraum. Da gibt's ganz wenig Bäume und es gibt kaum öffentliche Freiflächen entlang dieses Boulevards.

Gibt es denn dafür Ihrer Meinung nach Lösungen?

  • Man bräuchte für diese innere Arterie die Straßenbahn zurück. Ich glaube, das wäre für diese Stadt ein phänomenales Verkehrsmittel. Die Linie wäre ganz einfach: Die Straßenbahn könnte zwischen den drei Stadtteilen immer hin- und herfahren. Dann würden wir aus diesem Innenstadtbereich schon mal ganz viele Autos wegbekommen und hätten eine wunderbare Mobilitätsanbindung. In dieser Linearität hätte es zig Freiräume, die man als Stadträume erlebbar machen könnte, es gäbe Platz für Peripherie und Bäume oder auch Sitzmöglichkeiten wie hier am Siegufer.

Das Projekt Straßenbahn wäre für Siegen nicht ganz neu…

  • Ich weiß. Und ich glaube, da müssen wir uns alle irgendwie an den Kopf langen, dass wir in fast allen Städten dieses gute Verkehrsmittel dem Individualverkehr geopfert haben. Gerade auch, weil es unwahrscheinlich schwierig ist, diese Straßenbahn jetzt wieder ins Stadtbild zu einzubringen.


Weniger Autos, gar eine autofreie Innenstadt, das ist hier in Siegen ein kontroverses Thema. Die Region ist sehr ländlich geprägt, die Wege sind weit.

  • Ich glaube, wir leben momentan an einer Schnittstelle, an einem Wendepunkt. Da gibt es ganz viele, die etwas verändern wollen, die beispielsweise weniger Autos in Innenstädten wollen, aber es gibt auch viele, die das behalten wollen, was da ist, die nichts verändern wollen. Also durchleben wir derzeit eine Phase, in der wir beides brauchen. Man kann das Auto hier sicherlich nicht ganz aus dem Verkehrsnetz verbannen.
  • Aber, Stichwort Funktionalismus, das meiste des öffentlichen Raums ist Verkehrsraum. Also sollten wir dem Auto wieder ein bisschen Raum nehmen, um ihm dem Menschen zurückzugeben. So haben wir mehr Platz, mehr Begegnungsfläche, weniger motorisierten Verkehr und den Nutzen, dass wieder mehr Leben in die Innenstadt zieht.

Was genau heißt das für Sie: mehr Leben in der Innenstadt?

  • Das alles, was ich brauche für mein Leben, den Alltag – seien es Einkäufe, Verwaltungstätigkeiten, Arztbesuche und so weiter – ist von meiner Wohnung aus zu Fuß oder mit dem Fahrrad in 15 Minuten zu machen.
    Genau das müssen wir in der Zukunft erreichen. Geschäfte, Verwaltung, Wohnen, Sport, Freizeit, Kultur, das alles zu mischen, das ist sehr sinnvoll. Und da muss ich sagen, ist Siegen auf einem guten Weg. Es entstehen Freiräume am Oberen Schloss, am Herrengarten. Ich laufe zu Fuß zehn Minuten von meiner Wohnung aus zum Bahnhof, Theater, Park, Kino, Siegtreppen – alles in Reichweite.

Außer zur Uni, da müssen Sie noch den Bus nehmen.

  • Wenn er denn fährt. Aber mein E-Bike ist bestellt. Außerdem gibt es für die Uni ja auch große Zukunftspläne. Ein Jahrhundertprojekt. Das wird das Gesicht der Stadt maßgeblich verändern.

Das Interview führte Sarah Benscheidt für die Siegener Zeitung (https://www.siegener-zeitung.de/siegen/c-lokales/zurueck-zur-strassenbahn_a244069)